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Die deutschkatholische Gemeinde und die Revolution 1848/49

Als im Jahre 1844, mit Zustimmung des preußischen Staates, in Trier der sogenannte „Heilige Rock“ ausgestellt wurde, löste dies innerhalb von 50 Tagen eine Massenwallfahrt von über einer halben Million Pilgern aus. Dagegen erhob sich stürmischer Protest des aufgeklärten, liberalen - teils auch katholischen - Bürgertums in weiten Teilen des Deutschen Bundes. In Breslau gründete der suspendierte schlesische Priester Johannes Ronge im Februar 1845 mit den „Deutschkatholiken“ (im Gegensatz zu den „Römisch-katholischen“)eine neue Glaubensgemeinschaft, die neben religiösen auch immer mehr soziale und politische Ziele verfolgte. (Auffallend ist, dass einige der führenden Revolutionäre der Jahre 1848/49 Mitglieder der Deutschkatholiken waren: Robert Blum in Leipzig, Friedrich Hecker und Gustav v. Struve in Mannheim.) Ihr besonderes Anliegen war zunächst die Unabhängigkeit der Kirche von Rom. Der Begriff deutsch-“katholisch“ ist aber insofern irreführend, als die neue Glaubensgemeinschaft in ihren religiösen Vorstellungen eher mit protestantischen Überzeugungen übereinstimmte (z.B. Ablehnung von Heiligenverehrung, Beichte und Zölibat, Anerkennung von nur zwei Sakramenten: Taufe und Abendmahl). In ihrer Abendmahlslehre (Gedächtnismahl, Bundesmahl), in der Ablehnung von Bildern, vor allem in der Forderung einer demokratischen Verfassung der einzelnen Gemeinden mit freier Wahl ihrer Prediger glichen sie stark der reformierten Kirche schweizerischer Prägung. Die zunehmende Politisierung der Deutschkatholiken stieß allerdings auch bei manchen ihrer Mitglieder auf Ablehnung. Einer ihrer Mitbegründer nannte sie kritisch eine „Protestbewegung der Unterschichten“ und sprach von einem „Deutsch-Sansculottismus“. In Bayern und Österreich galt die neue Glaubensvereinigung als politische Partei und war deshalb verboten.
Bereits am 13. April 1845 wurde auch in Ulm von 29 Anhängern eine Gemeinde der Deutschkatholiken gegründet. Aber auch die Württembergische Regierung tat sich schwer mit der Anerkennung der Deutsch-Katholiken. Im Juni 1845 wurde ihnen von dem in Kirchenfragen zuständigen Innenministerium die „öffentliche Ausübung des Gottesdienstes“ untersagt. Immerhin wurde ihnen das „Feiern einer Hausandacht in geschlossenem kleinen Kreise“ erlaubt – allerdings unter den Auflagen, dass zu diesem „Privat Gottesdienst“ nicht öffentlich eingeladen werden durfte, dass nur eingetragene Mitglieder daran teilnehmen durften und dass sie sich öffentlich nicht „Gemeinde“ und die „Führer der Sekte“ sich nicht „Pfarrer“ nennen durften. Das Ulmer Oberamt wurde vom Innenministerium angewiesen, Verstößen gegen diese Einschränkungen „unnachsichtlich entgegenzutreten“. In einer ausführlichen Verordnung vom 30. Januar 1846 wurden diese Bestimmungen von der „Königlich Württembergischen Regierung des Donaukreises“ noch einmal zusammengefasst. Dabei wurde präzisiert, dass den Deutschkatholiken als „besonderer Religionsgesellschaft“ ein „Privat Gottesdienst ohne Geläute in einem der Zahl der Mitglieder entsprechenden Local“ erlaubt sei. Taufen und Beerdigungen mussten dem evangelischen Stadtpfarrer sogleich angezeigt werden „behufs ihres Eintrags in die öffentlichen Kirchenbücher“. Trauungen hatten aber nur „bürgerliche Gültigkeit“, wenn sie von einem evangelischen Geistlichen vorgenommen wurden. Außerdem wurde betont, dass die Deutschkatholiken unter „unmittelbarer Aufsicht der Orts- und Bezirkspolizei“ standen.
Die Ulmer Gemeinde zählte zwar während der Zeit ihres Bestehens nie mehr als 100 bis 200 Mitglieder (vor allem auch wegen der rechtlichen Einschränkungen), war aber in der Stadt am Vorabend der 48er Revolution ungeheuer populär. Sie genoss die Unterstützung nicht nur vieler Bürger, die ihr z.B. in ihrem Gründungsjahr 1845 eine silberne Abendmahlskanne stifteten mit der Inschrift: „Der deutsch-katholischen Gemeinde in ihrem heiligen Kampfe für Glaubens- und Gewissensfreiheit als Zeichen christlich-brüderlicher Theilnahme von ihren Freunden in Ulm“. Auch die Behörden der Stadt zeigten sich sehr wohlwollend, so ließen sie ihr 500 fl aus der Stadtkasse zukommen und stellten ihnen städtische Räume für ihre Versammlungen zur Verfügung. Viele Anhänger auch in Ulm sahen in der Bewegung mehr eine politische als eine religiöse Vereinigung. Sie erhofften sich von ihr vor allem eine Zurückdrängung des zunehmenden katholischen Einflusses auf die Politik (Stichwort: Ultramontanismus), darüber hinaus aber auch eine Wiedervereinigung aller christlichen Glaubensrichtungen, zumindest für die deutschen Staaten, möglicherweise als Vorstufe zu einem auch politisch vereinigten Deutschland.
Als im September 1845 der Gründer der Glaubensgemeinschaft Johannes Ronge, von einer Landessynode in Suttgart her kommend, in Ulm erwartet wurde, glich schon seine Anreise einem Triumphzug. „Ronge ist hier!“, verkündete die „Ulmer Schnellpost“ am 20. September voller Enthusiasmus. Stadtrat und Ulmer Bevölkerung hatten mit einer von 1.800 Bürgern unterschriebenen Liste beim Innenministerium beantragt, dass er nicht in der Fruchthalle des Kornhauses (geeignet für 4.000 Zuhörer), sondern im Münster sprechen dürfe. Wegen des zu erwartenden Andrangs hatte das Innenministerium zwar schließlich nachgegeben, allerdings mit der Auflage, dass Ronge nicht predigen, sondern nur reden dürfe. Immerhin durfte er dafür die Kanzel benutzen. Schon am Vortag hatten sich mehr als 10.000 Einwohner um eine ‚Eintrittskarte’ bemüht, insgesamt sollen zwischen 12.000 und 15.000 Teilnehmer die Veranstaltung besucht haben. An Spenden kamen 400 fl zusammen, zusätzlich wurden in diversen Gasthäusern weitere Spendenlisten ausgelegt. In seiner Ansprache stellte Ronge seine Bewegung in die Tradition der protestantischen Reformation als Befreiung von der „christlichen Priesterkaste“ und forderte “tätige Nächstenliebe“. Nebenbei ermunterte er auch die Frauen zur „Bethätigung am öffentlichen Leben.“ Das anschließende Abendmahl fand dann im Kreis der Glaubensgenossen in deren Versammlungsraum statt. Ronges zweiter Aufenthalt im darauffolgenden Monat verlief wesentlich ruhiger. Diesmal wurde ihm vom Innenministerium kein öffentlicher Auftritt gestattet. Vielmehr musste er gleich bei seiner Ankunft ein Protokoll unterschreiben, in dem er darauf hingewiesen wurde, dass er keine Taufe oder Trauung vornehmen dürfe und er im Falle einer „religiösen Aufregung“ in der Stadt als Ausländer sofort des Landes verwiesen würde.
Die Ulmer Deutsch-Katholiken fanden besonders starken Zulauf in den Jahren 1846 (59 neue Mitglieder) und 1847 (36), vor allem aus Kreisen der unteren Mittelschicht. Im Jahre 1850 zählte die Gemeinde 126 Mitglieder, von denen 21 von auswärts stammten. Dabei rekrutierten sich ihre Anhänger vor allem aus ehemals evangelischen Kirchenmitgliedern. Eine Aufstellung aus dem Jahr 1856 nennt 43 ehemals evangelische und 21 ehemals katholische Mitglieder.
Auf Vermittlung Ronges kam kurz vor Weihnachten 1845 der ebenfalls aus Schlesien stammende Friedrich Albrecht (1818 - 1890), examinierter Kandidat der protestantischen Theologie, als Prediger an die Ulmer Gemeinde. Er wurde, obwohl völlig vermögenslos, von der Stadt sofort in das Bürgerrecht aufgenommen, und zwar ohne Zahlung der üblichen Gebühren in Höhe von 180 fl. (Das entsprach etwa dem Jahresverdienst eines Gesellen.) Während der Hungerkrise 1846/47 scheute sich Albrecht nicht, in einem seiner Adventsgottesdienste schon im Dezember 1846 sehr scharf gegen Getreidespekulanten zu predigen. Während der Revolutionsereignisse gehörte er im März 1848 mit zu den Aktivisten der ersten Stunde, bereits in der Bürgerversammlung am 15. März 1848 ergriff er das Wort und trat dabei ein für die völlige Gleichstellung aller Religionen und Glaubensgemeinschaften. Insbesondere wiederholte er den Antrag seiner Gemeinde, für ihre Gottesdienste eine der evangelischen Kirchen (gemeint war die Dreifaltigkeitskirche) mitbenützen zu dürfen.
Das Fehlen passender Räumlichkeiten war von Anbeginn an ein großes Problem für die Deutschkatholiken. Zwar hatten sie bereits am 22. April 1845 sofort nach ihrer Gründung die Stadt um die Überlassung des Golschen-Kellers auf dem Judenhof, des Ortes der ehemaligen Ulmer Leinwandschau, gebeten, aber auch diese Räumlichkeiten reichten nicht aus. Die Kreisregierung lehnte allerdings eine Mitbenutzung der Dreifaltigkeitskirche lange Zeit ab, auch wenn der Ulmer Stadtschultheiß Schuster darauf hinwies, welch drangvolle Enge und stickige Luft in dem „Betsaal“ herrsche und dass immer wieder Gemeindemitglieder stehen oder sogar draußen warten müssten. Am 15. März 1848 unterstützte nun die Bürgerversammlung im Gasthaus „Baumstark“ Albrechts Antrag mit großer Begeisterung, am folgenden Tag stimmte auch der neugegründete Bürgerausschuss der Stadt zu. Der Stiftungsrat der evangelischen Kirche schloss sich ebenfalls an und informierte das zuständige Ministerium. Trotzdem dauerte es noch fast zwei Monate, ehe am 21. Mai zu Pfingsten die Deutschkatholiken morgens um 8:00 Uhr ihren ersten Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche abhalten konnten. Ganz unproblematisch lief dies allerdings nicht ab: die Deutschkatholiken hatten zur Feier des Ereignisses die Kirche mit Kränzen geschmückt und entgegen der Absprache diese Kränze nach Beendigung des Gottesdienstes nicht wieder entfernt. Das ärgerte den Pfarrer der Dreifaltigkeitskirche, und er ließ die Kränze beseitigen. Von der Gegenseite wurde dies wiederum als Affront empfunden, und dem Pfarrer Knapp wurden – ganz im Stil dieser aufgeregten Zeit – die Fensterscheiben eingeworfen.
Auch in dem Dorf Göttingen bei Ulm gab es Streit mit dem Ortspfarrer Baur. Dort traten am 13. März 1848 17 Gemeindemitglieder aus der evangelischen Kirche aus und gründeten eine eigene deutschkatholische Gemeinde. Sie zeigten dies auch dem Ulmer Oberamt an, mit der Versicherung, „stets gute und dem Gesetz treue Bürger zu bleiben“. Pfarrer Baur reagierte damit, dass er einem nunmehr deutschkatholischen Bauern den langjährigen Pachtvertrag kündigte, ebenso statt der übergetretenen Hebamme eine lutherische aus dem nahen Albeck beschäftige und sich beim Oberamt über Albrecht beschwerte. Speziell beklagte er sich in der Folgezeit beim Oberamt, dass Albrecht entgegen seinem „Befehl“ ein Kind nicht in der Stube, sondern im Garten des Hauses (also gleichsam „öffentlich“) getauft habe.
Inzwischen war Albrecht immer mehr vom „Interessenvertreter der kleinen Leute zum Wortführer der republikanisch-demokratischen Bewegung“ (Seemüller) geworden. Mitte April 1848 wurde er trotz der Bedenken der Ulmer Presse gegen seine ausländische Herkunft und seine mangelnde politische Eignung von einer Bürgerversammlung als Kandidat für die Wahl zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche aufgestellt. Er war damit Gegner des gemäßigt liberalen Anhängers einer konstitutionellen Monarchie, Konrad Dieterich Haßler.
Die entscheidende Wahlkampfveranstaltung fand am Morgen des Ostermontag, dem 24. April 1848, vor mehreren tausend Teilnehmern im Ulmer Münster statt. „In unserem Münsterdome“ legten die beiden Kandidaten Haßler und Albrecht ihr „politisches Glaubensbekenntnis“ ab, schrieb die „Ulmer Schnellpost“ dazu. Sie sprachen allerdings nur von zwei hölzernen Podesten und nicht von der Kanzel und waren nur in den vorderen Reihen verständlich. (Am Nachmittag gab es noch eine ähnliche Wahlkampfveranstalgung in Blaubeuren.) Als am ersten Wahltag der besonders radikale Redakteur des „Erzähler an der Donau“ Georg Bernhard Schifterling verhaftet werden sollte, konnte dies von entschlossenen Bürgern verhindert werden. Am Abend brachten daraufhin mehrere hundert Teilnehmer Schifterling, Albrecht und dem liberalen Stadtschultheißen Schuster einen Fackelzug dar, der damit endete, dass man vor der Wohnung Haßlers am Münsterplatz (heute Yeans Halle) eine Katzenmusik, eine sogenannte „Charivari“, veranstaltete und ihm die Fensterscheiben einwarf. In der Stadt gewann Haßler in den drei südlichen und westlichen Stadtvierteln A, B und C (858 gegen 578 Stimmen), in dem bevölkerungsreicheren, ärmeren Stadtviertel D (östlicher Teil der Altstadt) siegte allerdings Albrecht (1251 gegen 503 Stimmen). Insgesamt erreichte Albrecht in der Stadt mit 1.872 Stimmen gegen 1.699 für Haßler eine Mehrheit. Allerdings war er mehr in den bayerischen Nachbarkreisen Günzburg, Weißenhorn und Krumbach aufgetreten und hatte versäumt, sich in den ebenfalls zu seinem Wahlkreis II Donaukreis gehörenden Landgemeinden Blaubeuren, Laupheim, Weidenstetten, Merklingen, Langenau und Oberkirchberg bekannt zu machen, so dass insgesamt Haßler das Mandat gewann mit der überwältigenden Mehrheit von 5.918 gegen 2.662 Stimmen.
Albrecht blieb aber weiterhin politisch aktiv, nahm regelmäßig an den wöchentlichen Bürgerversammlungen teil und übernahm im Juli 1848 den Vorsitz des „Politischen Vereins“, der auch unter seinem Einfluss eine immer stärker republikanische Ausrichtung erfuhr. Als Nachfolger seines Freundes Ludwig Seeger, der wegen politischer Äußerungen seine Haftstrafe auf dem Hohenasperg antreten musste, übernahm er im Dezember 1850 die Redaktion der liberalen „Ulmer Schnellpost“, des mit 1.400 Exemplaren zu dieser Zeit auflagenstärksten und einflussreichsten Blattes der Stadt, und gab auch gleichzeitig die freireligiöse Sonntagszeitung „Kirchenfackel“ heraus.
Nach dem Scheitern der Revolution blieb im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden der Deutschkatholiken die Ulmer Gemeinde mit ihrem Pfarrer Friedrich Albrecht bestehen, auch wenn ihnen mit Beschluss des Stuttgarter Consistoriums vom 9. Dezember 1851 die Benutzung der Dreifaltigkeitskirche wieder verboten wurde. Im Jahre 1864 konnte die Gemeinde dann, unterstützt mit 500 fl von der Stadt, in der Olgastraße 70 eine eigene Kirche erbauen, die allerdings nach dem Tode Albrechts 1891 wieder abgerissen wurde.
Albrecht selber verließ Ulm im Frühjahr 1885, nachdem ihm von dem neuen Verleger Eugen Nübling die Redaktion der „Ulmer Schnellpost“ entzogen worden war. In den „Greifensälen“ wurde zu seinen Ehren von verschiedenen Vereinen, deren Mitglied er war, (u.a. war er Ehrenmitglied des Turnerbunds), eine überwältigende Abschiedsfeier veranstaltet. In Wiesbaden starb er am 5. Juni 1890 mit 72 Jahren an einem Herzinfarkt.