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Die Ulmer Garnisonkirchen

Einführung

Kirche und Militär – dieser Zusammenhang ist sicherlich ebenso alt wie der Glaube des Menschen an höhere Mächte. Jede Kultur ist bestrebt, durch ein Bündnis mit „den Göttern“ ihr Wohlergehen abzusichern, z.B. gegen Krankheiten, Hungersnöte, Naturkatastrophen und eben auch gegen Feinde. „Gott mit uns“ stand im Ersten und auch noch im Zweiten Weltkrieg auf dem Koppelschloss der deutschen Soldaten.
Selbstverständlich musste jeder Soldat die Gelegenheit haben können, an einem Gottesdienst teilzunehmen und die Sakramente zu empfangen. Staat und Militär erkannten ihrerseits die Bedeutung der seelsorgerischen Versorgung ihrer Soldaten. Reichskanzler Caprivi gab 1892 unumwunden zu: „Wir brauchen die Religion in hohem Grade; denn es gibt keinen Stand, der soviel Selbstverleugnung von seinen Mitgliedern verlangt wie der militärische, und die Selbstverleugnung lehrt uns die Religion, und deshalb können wir sie nicht entbehren.“ Aber umgekehrt bemühte auch die Kirche sich um einen gesicherten Einfluss innerhalb der militärischen Organisation. Sie fürchtete nämlich, die lange Militärdienstzeit, das Herausgerissensein aus dem bürgerlichen Alltag könne den jungen Soldaten zur Sittenlosigkeit verführen und dem Einfluss von Religion und Kirche entfremden.

Nachdem Ulm vom Königreich Bayern an das Königreich Württemberg übergegangen war, gab es mit dem Einzug eines Infanterieregiments seit dem 8. November 1810 eine württembergische Garnison in Ulm. Seit 1851 waren die evangelischen Soldaten in einer eigenen Garnisonsgemeinde organisiert mit einem eigenen Garnisonspfarrer, welcher einem Feldpropst unterstand. Die katholischen Soldaten wurden zunächst vom zivilen Pfarrer der Wengenkirche sozusagen im Nebenamt mit betreut. Für den Besuch ihres Gottesdienstes benutzten die Soldaten beider Konfessionen über Jahrzehnte hinweg mangels eigener Räumlichkeiten das Münster bzw. St. Michael, also die Wengenkirche. Bereits 1864 gab es Pläne des württembergischen Kriegsministeriums zum Bau einer evangelischen Garnisonkirche in Ulm. Diese wurden allerdings von der württembergischen Abgeordnetenkammer zunächst abgelehnt mit dem Hinweis auf die Gewissensfreiheit. Der Kirchgang könne deshalb auch einem Militärangehörigen nicht befohlen werden.

Durch die Einrichtung der Garnison und auch durch den Zuzug vieler katholischer Festungsarbeiter war die Anzahl der Katholiken in der Stadt ab 1840 stark angewachsen, so dass es zu gravierenden Engpässen und Konflikten mit den zivilen Benutzern der Kirche kam. Im Jahr 1861 zählte man schon 4.284 Katholiken in der Stadt, 1895 am Ende des Jahrhunderts waren es 8.254.
Wiederholte Bitten des katholischen Pfarramts an die Militärverwaltung, für die vielen katholischen Soldaten eine eigene Garnisonkirche zu bauen, wurden stets abgelehnt. Allerdings waren seit dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. im übrigen Reich vermehrt Garnisonkirchen entstanden. Und als schließlich der württembergische König Wilhelm II. mit Ordre vom 11. Februar 1898 sich persönlich für den Bau von Garnisonkirchen in Ludwigsburg und Ulm einsetzte, kam Bewegung in die Angelegenheit. Im Jahre 1899 wurden in den Reichshaushalt Mittel zum Grunderwerb eingestellt, dann wurde für 140.000 Mark von der Stadt Ulm der „Hösle’sche Garten“ an der Olgastraße erworben. Am Pfingstsamstag, dem 17. Mai 1902, fand in Anwesenheit des württembergischen Königs die Grundsteinlegung statt. 33 Kanonenschüsse begleiteten diesen Festakt. Am 8. November 1904 konnte die Kirche eingeweiht werden. Damit war die Ulmer katholische Garnisonkirche St. Georg die erste und einzige ihrer Art in Württemberg. Der Garnisonspfarrer unterstand im äußeren Dienst zwar dem kaiserlichen Gouverneur der Reichsfestung bzw. dem württembergischen Kriegsministerium, in geistlicher Beziehung aber unterstand er – anders als in Preußen und zum Verdruß des Reichskriegsministeriums – nach wie vor der Jurisdiktion und Dienstaufsicht des Rottenburger Bischofs, der auch die Festpredigt gehalten hatte.
Architekt der Kirche war der ehemalige Freiburger erzbischöfliche Baudirektor Max Meckel, der die Kirche im neugotischen Baustil ausführte, und zwar so, dass die Anlage „mit dem Münster in keinerlei Konkurrenz“ stand und sich auch in das Stadtbild einfügte. Die Glocken waren bezeichnenderweise gegossen worden aus im 1870er Krieg eroberten französischen Geschützrohren. Insgesamt hatte der Bau 900.000 Goldmark gekostet. Mit Erlaubnis des Garnisonspfarrers bzw. des Kriegsministeriums durften hier auch zivile Gottesdienste abgehalten werden.
Heute ist die ehemalige Garnisonkirche die Pfarrkirche der katholischen St. Georgs Gemeinde.

Die evangelischen Soldaten der Ulmer Garnison durften zwar auf Druck des württembergischen Kriegsministeriums seit 1857 das Münster mit benützen, aber auch hier kam es vor allem wegen der frühen Uhrzeit (7:30 Uhr) und der den Soldaten zugewiesenen schlechteren Plätze immer wieder zu Streitigkeiten. Der Antrag auf einen Neubau wurde vom Reichskriegsministerium aus Kostengründen noch 1897 abgelehnt. Nach der schon erwähnten Ordre des württembergischen Königs wurde im Jahre 1903 der erneute Antrag der Ulmer Garnison schließlich befürwortet, zumal es seit kurzem in Ludwigsburg eine evangelische Garnisonkirche gab und in Ulm sogar eine katholische Garnisonkirche sich im Bau befand. Nach dem üblichen Schlüssel war die Kirche für ¼ der Gesamtzahl der evangelischen Soldaten, also für 2.000, geplant. Von ihnen sollten 1.200 im Mittelschiff und 800 auf der Empore Platz finden.
Als Bauplatz wurde schließlich 1906 (zusammen mit einem schon im Reichsbesitz befindlichen Grundstück) der Platz nördlich des kurz vorher aufgelassenen Alten Friedhofs gewählt und für 92.817 Mark erworben. Ein beschränkter Wettbewerb unter ausschließlich süddeutschen Architekten wurde ausgeschrieben mit der Bedingung, dass in Rücksicht auf das Münster und die katholische Garnisonkirche ein Bau im gotischen Stil ausgeschlossen war. Den Zuschlag bekam schließlich im Dezember 1906 Professor Theodor Fischer von der Technischen Hochschule Stuttgart. Am 20. August 1908 fand unter Abfeuerung von 33 Salutschüssen in Anwesenheit des württembergischen Königs Wilhelm II. die Grundsteinlegung statt, zwei Jahre später, am 5. November 1910, wurde die Kirche eingeweiht. Auch die evangelische Garnisonkirche durfte von der zivilen Kirchengemeinde mit benutzt werden.
Bereits 1932 drängte das Reichsfinanzministerium auf einen Verkauf der Kirche an die evangelische Kirchengemeinde. Zu diesem Verkauf kam es aber erst 1964. Seitdem ist die Kirche Pfarrkirche der evangelischen Paulusgemeinde.
Der Jugendstil-Bau der ehemaligen evangelischen Garnisonkirche hat wegen seiner architektonischen Besonderheit eine gewisse Berühmtheit erlangt. Damit die Besucher von allen Plätzen aus freie Sicht auf Altar und Kanzel haben, wird das weitgespannte Gewölbe der Kirche ohne Säulen von sichtbaren Betonbindern getragen. Die Verwendung dieses Baustoffs hatte auch symbolische Bedeutung, da der „feldgraue Eisenbeton“ zu dieser Zeit auch für den Festungsbau ganz neue Möglichkeiten eröffnet hatte. Fischer selber charakterisierte 1912 den „Grundcharakter des Baus..... Soldatenkirche, dazu in einer Festung zu sein“ mit den Worten: „Fest und massig steht die Kirche da, beherrscht von zwei granatenartig endenden Türmen....“ Durch das Kolossalbild des gekreuzigten Christus von Professor Adolf Hölzel an der Stirnseite über dem Altar, sollte der Soldat, „der vor diesem das Tiefste erschütternden Gekreuzigten seinen Fahneneid geleistet“ (Fischer) hatte, erinnert werden an Leiden, Tod und Opferbereitschaft.
„Jeder Soldat soll gemäß Ziffer 186 der Garnisonsdienstvorschrift mindestens monatlich einmal zum sonntäglichen Gottesdienst geführt“ werden. So war es in der Garnison Ludwigsburg verordnet, und so galt es auch in Ulm. Die zum Gottesdienst abkommandierten Soldaten beider Konfessionen zogen ‚mit klingendem Spiel’ von ihren Kasernen gemeinsam hinunter in die Frauenstraße. Dort traten zunächst die evangelischen Soldaten aus dem Glied, während die katholischen noch die 300 Meter weiter zu ihrer Kirche marschierten. Dabei war genau eingeteilt, welche Einheit an welchem Sonntag zum Kirchgang abkommandiert war und welcher Platz für sie vorgesehen war. Die Oberaufsicht hatte ein „Offizier vom Kirchendienst“, „Unteroffiziere zum Platzanweisen“ sorgten für die Einhaltung der vorgeschriebenen Ordnung. Begleitet wurde der Gottesdienst regelmäßig von Militärchören und Militärkapellen - auf Wunsch des Standortältesten in Ludwigsburg ausdrücklich auch unter Einsatz von Kesselpauken, damit jedem Soldaten „eingepaukt“ werde, was er „im Herzklopfen der höchsten Todesgefahr......nicht überhören (solle): Sei getreu bis in den Tod.“ Der Abgang von der Empore musste laut Bauvorschrift für den Alarmfall breit genug sein für drei Mann.
Vereidigung der Soldaten und Fahnenweihe fanden selbstverständlich im Rahmen einer religiösen Feier statt. Das Ministerium für Kirchen- und Schulwesen befahl 1874, dass die Standarten für die neu aufgestellten Infanterieregimenter auch in den anderen Garnisonsstädten beim darauffolgenden Sonntagsgottesdienst ins Kirchengebet eingeschlossen werden mussten, ebenso wie die Soldaten in die sonntägliche Fürbitte auch der zivilen Gemeinden. Zu den 100jährigen Gedenkfeiern an die Befreiungskriege schrieb ein Konsistorialerlass allen Pfarrern sowohl den Predigttext als auch das Schlussgebet vor. Selbstverständlich wurden im Ersten Weltkrieg die militärischen Siege mit Dankgottesdiensten und Glockengeläut gefeiert. Entwarnung verkündeten nach französischen Luftangriffen die Kirchenglocken durch ein siebenminütiges Dauergeläute.