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Die Heilsarmee in Ulm

Im Jahre 1865 gründete der methodistische Pfarrer William Booth (1829-1912) in London die „Christian Revival Association“ (Christliche Erweckungsgesellschaft), aus der nach mehreren Umbenennungen im Jahre 1878 die „Salvation Army“ (Heilsarmee) hervorging. Angesichts des Massenelends in den Londoner Slums, wesentlich eine Folge der raschen Industrialisierung, erkannte er die Bedeutung tätiger christlicher Nächstenliebe. Ihre Aktivitäten wurden schon damals unter dem Motto „Soup, Soap, Salvation“ („Suppe, Seife, Seelenheil“) zusammengefasst. Die Heilsarmee betont die persönliche Beziehung zu Jesus Christus im Gegensatz zur bloßen Kirchenmitgliedschaft. Da ihr die innere Umwandlung wichtiger ist als das äußere Ritual verzichtet sie auf Sakramente wie Taufe und Abendmahl, auch wenn jedem Mitglied die Teilnahme daran in einer anderen Religionsgemeinschaft freigestellt ist. In Deutschland ist sie Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen.
Auf die Initiative einer Ulmer Bürgerin hin schickte die Organisation den Schweizer Emil Thöni, der am 7. Oktober 1904 das Ulmer „Korps“ gründete und ihr erster „Kapitän“ wurde. Das erste Domizil befand sich in der Kronengasse 4 im Hinterhof der Gaststätte „Zur Krone“ (wo auch die Unterkunft der Methodisten war). Während der nationalsozialistischen Herrschaft war die Heilsarmee zwar nicht verboten, aber durch zahlreiche Auflagen eingeschränkt, so durch das Verbot öffentlicher Auftritte und das Verbot ihrer Jugendarbeit. In Ulm überstand die Heilsarmee diese Zeit vor allem durch das Wirken des Ehepaars Weinstock. Adolf Weinstock war noch als über 90-jähriger mit seiner Trompete bis in das erste Jahrzehnt unseres Jahrtausends hinein für die Ulmer Heilsarmee aktiv. Das Domizil in der Kronengasse überstand zwar die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs, doch wurden der Heilsarmee die Räume gekündigt. Immerhin gelang es mithilfe von Spenden als neue Unterkunft eine Nachkriegsbaracke „in der Form eines schwedischen Holzhauses“ in der Söflinger Straße 21, später Hauffstraße 23, aufzustellen. Im Jahr 1984 bezog die Ulmer Heilsarmee ein eigenes Haus in der Zinglerstraße 18 (beim damaligen Café „Mohrenköpfle“) und ab 1999 ein mehrstöckiges Haus in der Söflinger Straße 140.
In Ulm gab es zwar im Gegensatz zu anderen Niederlassungen („Korps“ genannt) keine Übernachtungsmöglichkeiten, auch die Einrichtung eines Kindergartens kam nicht zustande, dafür aber zahlreiche andere soziale Leistungen. Für Bedürftige wurde regelmäßig Verpflegung ausgeteilt, ebenso Kleidung. In besonderen Fällen wurden auch Fahrkarten bezahlt, wenn der Bedarf glaubhaft erklärt worden war. Und immer wieder wurde mit Geldspenden, bis zu 10 Mark, geholfen, auch wenn sich die Verantwortlichen dabei bewusst waren, dass möglicherweise das Geld in der nächsten Kneipe in Alkohol umgesetzt wurde. Für viele Notleidende war die Heilsarmee der letzte Rettungsanker, so für Familien, wenn der Vater im Gefängnis saß, für Haftentlassene, für Obdachlose, Ausländer, in den 90er Jahren auch Punks – immer wieder auch für einen Personenkreis mit Alkoholproblemen. Teilweise war das Büro der Heilsarmee rund um die Uhr besetzt, und jeder fand Gehör mit seinen Problemen. Daneben gab es Gottesdienste und Gesprächskreise. Besonders beliebt waren auch die Weihnachtsfeiern für sozial schwache Familien. Die Heilsarmee war bekannt dafür, dass sie jedem half - ohne Ansehen der Person und ohne dafür ein Glaubensbekenntnis zu erwarten oder gar zu verlangen. „Wir schätzen die Arbeit der Heilsarmee sehr, weil sie damit einen Personenkreis erreicht, zu dem die Kirche kaum oder nur bedingt Zugang hat“, erklärte der damalige Ulmer Dekan John im Jahre 1979 auf einer Festveranstaltung der Heilsarmee (SWP vom 6. Nov. 1979).
In der Öffentlichkeit der Stadt war die Heilsarmee vor allem bekannt durch ihre Spendensammlungen in den Gastwirtschaften der Ulmer Altstadt zwischen Kronengasse und Seelengraben und ihre Auftritte am Samstagmorgen in der Fußgängerzone und am Ulmer Hauptbahnhof. In der Regel besuchten - stets mit Einverständnis der Gastwirte - sechs „Heilssoldaten“ am Freitagabend zwischen halb neun und halb elf bis zu zwanzig Gaststätten. Vor, zusammen genommen, ungefähr 500 Zuhörern sangen sie zur Gitarrenbegleitung drei Lieder und gingen anschließend mit ihrer Sammelbüchse von Tisch zu Tisch. Von vielen Gästen, vor allem Stammgästen, wurde ihr Auftritt schon erwartet, von ihnen wurden sie auch gegen gelegentliche Anpöbeleien in Schutz genommen. Regelmäßig wurde dann ihr beliebtestes Lied gewünscht und in der Sammelbüchse besonders belohnt: „Lass den Sonnenschein herein“ („Let the blessed sunshine in“, Verfasser und Komponist sind unbekannt), das seit 1878 in 86 Ländern und 139 Sprachen von der Heilsarmee gesungen wird. („Lass den Sonnenschein herein, lass doch Gottes Licht herein. Mache rein die Fenster, öffne weit die Tür, lass den Sonnenschein herein.“ Dieses Lied ist übrigens auch von Hans Albers und Freddy Quinn auf Schallplatte aufgenommen worden.) Ihre Musik wirke „ansteckend fröhlich“, attestierte eine Redakteurin der Ulmer Südwest-Presse dem Auftritt der Heilsarmee, nachdem sie im August 1974 selber einmal in der Uniform eines „Salutisten“ einen dieser Wirtshaus-Streifzüge begleitet und am Ende des Abends 128,70 DM gesammelt hatte.
Neben der Tatsache einer vollständigen Gleichberechtigung von Männern und Frauen bei der Heilsarmee und ihres Abstinenzversprechens (Abstinenz von Alkohol, Drogen, Glücksspiel, Pornographie und Okkultismus, also von allem, was Körper, Seele und Geist abhängig machen könnte) fallen vor allem die Parallelen zum Militär auf. Diese zeigen sich an der hierarchischen Organisation mit einem „General“ in seinem Londoner „Hauptquartier“ an der Spitze und den ausgebildeten Seelsorgern als „Offizieren“. Auch an dem militärischen Wortschatz wird das deutlich, bis 2007 hieß z.B. ihre wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Der Kriegsruf“. Alle „Heilssoldaten“ tragen Uniform, welche sie übrigens aus eigener Tasche bezahlen müssen. Bei dieser Kleidung gab es im Laufe der Zeit nur ganz geringe Zugeständnisse: Statt ihrer altertümlichen Hauben durften Frauen schließlich eine melonenähnliche Kopfbedeckung aufsetzen, und ab Ende der 90er Jahre durften sie auch Hosen anziehen, was vor allem im Winter wesentlich angenehmer war. Diese Uniformen waren immer wieder ein Stein des Anstoßes, wurden aber von den Mitgliedern verteidigt als „sichtbar gemachtes Bekennen zu einer Mission des Helfens“ (SWP vom 26. August 1974) und auch als Schutz gegen Anpöbeleien und Übergriffe vor allem für die weiblichen Träger.
Allerdings litt die Ulmer Heilsarmee vor allem seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts unter zunehmender Überalterung und demzufolge auch Mitgliederschwund. Während ihr bis dahin immer um die 40 Mitglieder angehört hatten, waren es 1985 nur noch 23 „Soldaten“, von denen 2/3 über 70 Jahre alt waren. Zwar attestierte ihr der Ulmer Oberbürgermeister Gönner auf einer Festveranstaltung noch im Jahre 1999: „Ulm wäre ein Stück ärmer ohne sie“ (NUZ vom 8. Februar 1999), aber zu dieser Zeit gab es nur noch 5 „Soldaten“ und 12 Unterstützer in Ulm. Schließlich musste das Ulmer Korps im Jahre 2009 ganz aufgegeben werden. Die nächsten Anlaufstationen befinden sich nunmehr in Göppingen und Albstadt.