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Kirchen in Ulm in den Nachkriegsjahren

Die Kirchen in Deutschland hatten als einzige in Teilen regimekritische Institutionen die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Kern unbeschadet überstanden. Auch gab es in ihren Reihen eine größere Anzahl von unbelasteten Funktionsträgern, die den Alliierten sogleich nach der Besatzung als Ansprechpartner dienten. Den Kirchen kam daher im Transformationsprozess der Nachkriegsjahre eine soziale, kulturelle, partiell auch politische Schlüsselrolle zu. Im Folgenden werden infrastrukturelle und organisatorische, soziale, mentale und politische Aspekte kirchlichen Lebens nach Konfessionen getrennt dargestellt.
Auf evangelischer Seite hatte Ulm traditionell als Sitz des Dekanats und einer der vier württembergischen Prälaturen Zentralitätsfunktion. Und natürlich blieb auch die Strahlkraft des im Krieg vergleichsweise wenig beschädigten Ulmer Münsters in der Nachkriegszeit ungebrochen, wo auch weiter Gottesdienste und Großveranstaltungen gehalten wurden. Allerdings hatte die Zerstörung der Ulmer Innenstadt in den Bombennächten bei Kriegsende auch Kirchenbauten massiv betroffen. Dies hatte direkte Auswirkungen auf das kirchliche Leben. Die ersten Nachkriegsjahre standen daher im Zeichen umfangreicher Baumaßnahmen, die einen außerordentlich großen Mitteleinsatz erforderten, der durch Einsatz von nach der Währungsreform verbliebenem Vermögen, Grundstücksverkäufen und Schuldenaufnahme aufgebracht werden konnte. Das Stadtzentrum, damit die Münstergemeinde, litt unter starker Entvölkerung, während in den Außenbezirken die Kirchengemeinden wuchsen bzw. neu entstanden. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde bestand somit aus sieben Teilgemeinden.
Breite kirchliche Betätigungsfelder ergaben sich im Bereich der Wohlfahrtspflege und in der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit. Gerade im vor 1945 stark von der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ monopolisierten sozial-karitativen Bereich ergaben sich nun wieder Spielräume für die Kirchen. Auf evangelischer Seite traten beispielsweise die Innere Mission sowie die evangelischen Gemeindediakonissen in Aktion. Bis zum Jahr 1954 wurden 13 evangelische Kindergartenabteilungen eröffnet bzw. wiedereröffnet. Auch der Religionsunterricht wurde 1945/46 in neuer Ausrichtung wiederaufgenommen. Nach der Phase der Austrocknung der kirchlichen Jugendverbände durch die Nationalsozialisten ab Mitte der 30er Jahre formierte sich eine Reihe von evangelischen Jugendverbänden nach 1945 neu, darunter der CVJM, das Evangelische Jugendwerk oder der Verband christlicher Pfadfinder.
Auseinandersetzung mit den Verbrechen und der eigenen Rolle während der NS-Herrschaft blieb in den Nachkriegsjahren auch in den Kirchen ein Minderheitenphänomen. Die unter anderem von Martin Niemöller verfasste umstrittene Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945, in der die neugebildete Evangelische Kirche in Deutschland sich zu einer Mitschuld an den NS-Verbrechen bekannte, ging an Ulm weitgehend spurlos vorbei. Allenthalben dominierte nach dem Krieg bei den Ulmer Protestanten die Selbstwahrnehmung als Widerstandshort gegen den Nationalsozialismus. Diese Einschätzung affirmierte auch der ehemalige Landesbischof Wurm noch bei seinem Besuch in Ulm am 26. Februar 1951.
Auch katholische Gotteshäuser wurden beim Luftangriff 1944 in Trümmer gelegt, so die Wengenkirche und St. Elisabeth, was umfangreiche Wiederaufbauarbeiten notwendig machte. Die Wengenkirche wurde provisorisch überdacht, die Susogemeinde baute eine Notkirche neben der zerstörten Susokirche. 1953/54 entstand der Kirchenneubau St. Michael zu den Wengen. In den 50er Jahren folgten weitere Kirchenbauten (St. Maria Suso und Heilig-Geist. Organisatorisch gliederte sich die katholische Ortskirche in die drei Stadtpfarreien St. Michael zu den Wengen, St. Georg und St. Elisabeth sowie die Vorstadtpfarreien St. Maria in Söflingen und St. Martin Wiblingen.
Die durch die Zerstörungen bei Kriegsende ohnehin dramatische Wohnraumsituation wurde noch verschärft durch den alsbald einsetzenden Zustrom von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Vielerorts fungierten die Pfarrhäuser als Anlaufstelle für Vertriebene und Heimkehrer.
1946 lebten bereits rund 500 Vertriebene in Ulm, 1950 waren es fast 10.000, davon mehr als die Hälfte Katholiken. Auch für die Kirchen war die Integration der Vertriebenen mit ihren religiös oft anders akzentuierten Haltungen eine Herausforderung. Allein ihre große Zahl macht eine solide Organisation der kirchlichen Hilfsleistungen nötig, und so wurde aus Anfängen mit improvisierten Caritas-Stellen in Pfarrhäusern mit Hilfe des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg eine effiziente Basis für die katholische Wohlfahrtspflege in Ulm geschaffen. Bereits im Jahr 1945 nahm die Caritas ihre Dienste wieder auf und bemühte sich beispielsweise auch um die Familienzusammenführung. Angehörige verschiedener Schwesterngemeinschaften leisteten umfangreiche Unterstützung. Bildungsarbeit leisteten seit 1946 das Katholische Männerwerk und der Katholische Frauenbund.
Zwar lag in der Not der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Zusammenrücken der Kirchen nahe, was in Ulm auch ins Werk gesetzt wurde zum Beispiel, indem man die eigenen Kirchen auch für den Gottesdienst der anderen Konfession öffnete oder beim Wiederaufbau der Bahnhofshilfe / Bahnhofsmission ökumenisch zusammenarbeitete. Auf der anderen Seite litt das Verhältnis der beiden großen Kirchen und Konfessionen im Nachkriegsdeutschland vielerorts – gemessen an heutigen Verhältnissen – noch unter zahlreichen Spannungen. Dies zeigte sich etwa in der Frage der konfessionellen Mischehen, welche durch den Vertriebenenzustrom und die damit einhergehende weitere Auflösung relativ geschlossener konfessioneller Regionen zunehmend virulent wurde. Auf politischem Gebiet wurde zwar die Trennung zwischen den stärker protestantisch geprägten konservativen Parteien und der katholischen Zentrumspartei durch die Formierung der Unionsparteien formal überwunden, doch zeigten sich Spannungen zwischen den Kirchen und Konfessionen nach wie vor deutschlandweit zum Beispiel bei der Besetzung höherer Posten in Politik und Verwaltung. Mit harten Bandagen wurden auf der Vorderbühne und hinter den Kulissen konfessionelle Stellungskämpfe geführt. In Ulm fand dieses Phänomen einen Höhepunkt im OB-Wahlkampf 1948 zwischen den Kandidaten Robert Scholl, Theodor Pfizer und Wilhelm Schöneck, bei dem die Geistlichen, aber auch Vertreter kirchlicher Verbände ihre konfessionell geprägten Vorstellungen in der Kandidatenfrage offensiv einbrachten.
Eine von den Kirchen nach dem Ende der NS-Herrschaft erhoffte allgemeine „Rechristianisierung“ lässt sich aus den Quellen deutschlandweit nicht belegen. Quellen wie Visitationsprotokolle oder Statistiken über Abendmahlsteilnahme legen eher eine Vertiefung der Religiosität bei den ohnehin kirchentreuen Bevölkerungsteilen nahe. Der Zulauf zu den Kirchen war weniger einer breiten Zuwendung zum christlichen Glauben geschuldet als der sozial-karitativen Rolle der Kirchen und ihrer umfassenden Hilfestellungen bei der Behebung seelischer Notlagen.
Dass die Mentalität weiterer Bevölkerungskreise sich in eine für die Kirchen nicht zu goutierende Richtung bewegte, zeigen auch die Besorgnisse aus Kirchenkreisen über Mischehen, mehr noch über Fragen der öffentlichen Moral, etwa im Zusammenhang mit Verhältnissen deutscher Frauen zu Besatzungssoldaten oder auch im Hinblick auf zeitgenössische kulturelle Hervorbringungen.