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Die Einführung der Reformation in Ulm

Die Anfänge der reformatorischen Bewegung in Ulm finden sich in den privatbürgerlichen humanistischen Kreisen und im Franziskanerkloster. Zum Beispiel zählte der Ulmer Stadtarzt und Humanist Wolfgang Reichart zu den ersten Anhängern Martin Luthers; er nahm dessen Traktate „95 Thesen von der Kraft der Ablässe“ oder „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ begeistert auf und feierte Luther in seiner Korrespondenz als „zweiten Elias“. In dem südwestlich vor dem Münster gelegenen Franziskanerkloster konnten die beiden Mönche Heinrich von Kettenbach († um 1525) und Johann Eberlin von Günzburg (um 1470-1533) mit ihren Predigten die Zuhörer mitreißen und für die reformatorische Botschaft begeistern. Was auch die Ulmer an der neuen Bewegung im Gegensatz zum spätmittelalterlichen Kirchenwesen und seinen Frömmigkeitsformen faszinierte, war einerseits die Entlastung der Menschen von den vielfältigen und oft kostspieligen Vorsorgeaufwendungen für das Jenseits; wurde doch nun der gnädige und barmherzige Gott allein in den Mittelpunkt gestellt, der dem Sünder die Gnade „umsonst“, gratis schenkt („sola gratia“). Andererseits wurde mit der Rückbesinnung auf die Heilige Schrift ein neues und alleiniges Legitimationsprinzip („sola scriptura“) für die Neugestaltung der Kirche und des christlichen Lebens proklamiert.
Trotz der großen Zustimmung innerhalb der Bevölkerung zeigte die Politik des Ulmer Rats jedoch bezüglich der Religionsfrage in den 1520er Jahren einen sehr zwiespältigen Charakter. Einerseits gab es eine Aufgeschlossenheit gegenüber dem reformatorischen Gedankengut, andererseits den Wunsch nach Loyalität gegenüber dem königlichen Stadtherrn Karl V. So befolgte man zunächst das Wormser Edikt von 1521, welches die Verbreitung der evangelischen Lehre verbot: Man förderte weder die Predigt für die neue Glaubenslehre – sowohl Kettenbach und Eberlin als auch andere evangelische Prediger wies der Rat aus der Stadt oder ließ sie in den Turm werfen –, noch rang man sich zu einem Vorgehen gegen die altgläubigen Vertreter wie Kaspar Schatzgeyer oder den Dominikaner Peter Hutz durch. Wichtigster Repräsentant dieser wankelmütigen Haltung war der Patrizier und Bürgermeister Bernhard Besserer, der die Politik dieser Jahre maßgeblich beeinflusste.
Erst das Begehren von vier Ulmer Bürgern im Frühjahr 1524 nach ersten Änderungen im Kirchenwesen forderte eine Reaktion des Rats heraus. Bereits einen Monat später berief man Konrad Sam aus Rottenacker als neuen Prediger. Sam war ein eifriger Anhänger des schweizerischen Reformators Huldrych Zwingli und sorgte fortan für die Verbreitung dieser schweizerisch-oberdeutschen Lehre in Ulm. Ein wesentlicher Unterschied zur lutherischen Lehre lag im Verständnis des Abendmahls. Doch den dringenden Rat des Züricher Reformators selbst, die alten Zeremonien und Kirchengebräuche ganz und radikal abzuschaffen, wies der Rat mit dem Hinweis auf mögliche Unruhen zurück.
Auch nach dem Speyerer Reichsabschied von 1526, der den evangelischen Reichsständen die Ausführung des Wormser Ediktes bis zu einem möglichst bald einzuberufenden Konzil freigestellt hatte, rang man sich nicht zu grundlegenden Veränderungen durch. Der Rat erlaubte lediglich die Taufe in deutscher Sprache und die Priesterehe, schränkte die Fronleichnamsprozession erst ein und hob sie 1527 zusammen mit den Umzügen am Palmsonntag und am Himmelfahrtsfest ganz auf.
Auf reichspolitischer Ebene wurde die zwiespältige Haltung zwischen Kaisertreue und Glaubensüberzeugung aber zu einem immer größeren Problem. Nachdem Karl V. auf dem Speyrer Reichstag von 1529 das Wormser Edikt wieder in Kraft gesetzt hatte, dokumentierte Ulm mit anderen evangelisch Gesinnten seinen Widerstand gegen diese Maßnahme (‚Protestatio‘), was die Ulmer Diplomatie in schwere Bedrängnis brachte. Um das Verhältnis zum Kaiser nicht weiter zu belasten, folgten sogleich Versuche, diesen Schritt rückgängig zu machen. Zugleich suchte man starke Bündnispartner und führte Verhandlungen mit Hessen und Sachsen bzw. anderen oberdeutschen und schweizerischen Städten.
Auf dem Augsburger Reichstag 1530 spitzte sich die Lage für die Ulmer Gesandten dramatisch zu. Bernhard Besserer und Daniel Schleicher hatten vom Rat kein Mandat erhalten, den in Augsburg vorgelegten Bekenntnisschriften (Confessio Augustana und Confessio Tetrapolitana) zuzustimmen. Aber es wurde ihnen klar, dass die Ulmer ein eindeutiges Votum nicht länger aufschieben konnten. Die Sorge vor einer militärischen Auseinandersetzung wuchs. In dieser Situation konnte oder wollte der Rat nicht alleine entscheiden. Besserer griff auf die Möglichkeit einer Abstimmung in der Bürgerschaft zu-rück, wie sie die reichsstädtische Verfassung des ‚Großen Schwörbriefes‘ von 1397 vorsah. Vom 3. bis 8. November 1530 wurde so in den 17 Zünften wie auch bei den Patriziern, Pfahlbürgern, Beiwohnern und einzelnen Bruderschaften abgestimmt – mit dem Ergebnis, dass von 1.865 abstimmungsberechtigten Personen 1.621 den Augsburger Abschied ablehnten, der die reformatorischen Bekenntnisse für widerlegt erklärte und die neue Lehre verbot, und trotz aller drohenden Konsequenzen bei den neuen Glaubensüberzeugungen bleiben wollten. In der Folgezeit sorgte der Rat für die nötigen Änderungen im Kirchenwesen. Zunächst folgte mit dem Beitritt zum Schmalkaldischen Bund die außenpolitische Absicherung, und im April 1531 berief der Rat drei renommierte auswärtige Theologen zur Durchführung der Reformation: Martin Bucer aus Straßburg, Johannes Oekolampad aus Basel und Ambrosius Blarer aus Konstanz trafen im Mai 1531 in Ulm ein. Im Juni 1531 folgten die Befragungen der Pfarrer, die Abschaffung der Messe und die Entfernung der religiösen Bilder aus den Kirchen. Am 16. Juli feierte man die erste evangelische Abendmahlsfeier, im Herbst vertrieb man die Mönche des Dominikaner- und Franziskanerklosters aus der Stadt.
Ab 1531 stand die Umsetzung der maßgeblich von Martin Bucer verfassten Kirchenordnung im Vordergrund. Sie regelte, was fortan als „christliche Lehre“ zu gelten habe, die Berufung und Überprüfung der Prediger und Pfarrer, das Synodal- und Visitationswesen, die Neuordnung des Schulwesens, der Kirchengebräuche und Zeremonien und die Fragen der Kirchenzucht. Bei der Realisierung und Umsetzung dieser Reformen zeichnete sich allerdings schnell ab, dass nicht die Theologen und Prediger, sondern der Ulmer Rat seine Befugnisse erweitern und zur vollen Ausübung des Kirchenregiments gelangen konnte. Der Magistrat bestimmte über die Einsetzung von Ratsausschüssen oder Ratsverordneten für Religionsfragen ohne Beteiligung der Theologen oder übte die Disziplinargewalt (Kirchenzucht) gegen den Widerstand der Prediger oft alleine aus.
Nach dem Tode Sams 1533 trat Martin Frecht an die Spitze der Ulmer Geistlichkeit. Als Sohn einer alten Ulmer Schumacherfamilie vermutlich 1494 hier geboren, hatte er nach dem Besuch der Lateinschule das Studium der Artes liberales und der Theologie in Heidelberg absolviert und die akademische Laufbahn eingeschlagen, die ihn sogar zum Rektorat der Heidelberger Universität geführt hatte. In dieser Zeit war er nicht nur mit dem humanistisch orientierten Kreis um Bucer, Oekolampad und Johannes Brenz in Kontakt gekommen, sondern auch Luther und Melanchthon begegnet. Der begeisterte Luther-Anhänger kehrte bereits im Herbst 1531 in seine Heimatstadt zurück, wo er zum Lektor der Hl. Schrift berufen wurde. War sein anfängliches Wirken noch durch die Differenzen mit dem Zwinglianer Konrad Sam erschwert, prägten drei große Themen seine Ulmer Zeit zwischen 1533 und 1548:
Erstens galt es, den ständigen Konflikt mit dem ratsherrlichen Kirchenregiment zu bestehen, konnte Frecht doch nur im Einvernehmen mit den vier (später acht) Religionsherren Entscheidungen treffen. Zweitens kämpfte Frecht im innerprotestantischen Lager gegen die Täufer und viel erbitterter gegen die Spiritualisten Sebastian Franck und Kaspar von Schwenckfeld. Beide stellten mit dem Ideal einer Geistkirche auch das reformatorische Kirchenwesen, dessen Ämter und Riten in Frage. Die spiritualistische Lehre geht davon aus, dass allein der durch das innere Wort wirkende Geist Gottes selbst den im Menschen eingeschlossenen göttlichen Lebensfunken befreien, dadurch den Menschen verwandeln und ihn zur christlichen Nachfolge in wahrer Liebe ermächtigen kann. Sebastian Franck war zunächst als Seifensieder, dann als Schriftsteller tätig und betrieb seit 1535 eine Druckerei. Weit gefährlicher war in Frechts Sicht allerdings das Wirken des schlesischen Edelmannes Kaspar von Schwenckfeld mit seiner faszinierenden persönlichen Ausstrahlung, die ihm v.a. in den Patrizierkreisen Ulms viele Anhänger einbrachte. Zwar versuchte man in der Tübinger Konkordie vom Mai 1535 noch einen Kompromiss, aber die theologischen Differenzen waren unüberbrückbar und 1538/39 kam es zum endgültigen Bruch – Schwenckfeld und Franck mussten die Stadt daraufhin verlassen.
Hatte sich Frechts Position schon im Kampf mit den Spiritualisten durchgesetzt, so bleibt es seine wichtigste Leistung, die Grundlage des Übergangs zum Luthertum in Ulm gelegt zu haben. Dieser dritte Tätigkeitsbereich dreht sich um die Vermittlung der Wittenberger Konkordie von 1536: Martin Bucer war es vor allem zu verdanken, eine Annäherung und Verständigung zwischen Lutheranern und zwinglianisch-oberdeutsch geprägten Theologen zustande gebracht zu haben. Frecht war es, der mit der Umsetzung der Wittenberger Konkordie, besonders in der Abendmahlfrage, in Ulm begann.
In den 1540er-Jahren waren es wieder die politischen Großereignisse, die den Fortgang der Ulmer Reformationsgeschichte beeinflussten. Kaiser Karl V. richtete seinen Blick nun verstärkt auf die Probleme im Reich und versuchte die längst zerbrochene Einheit der Kirche gewaltsam wiederherzustellen. 1546 begann er den Krieg gegen den Schmalkaldischen Bund, dessen Mitglied Ulm seit 1531 war; dies bedeutete, dass auch die Ulmer einen Teil der Kosten zu tragen hatten und Kriegsgerät bereitstellen mussten. Bereits im Herbst 1546 waren kaiserliche Truppen in große Teile des Ulmer Landgebietes eingedrungen. In dieser gefährlichen Situation berief der Ulmer Rat erneut die Bürger zu einer Abstimmung über die Glaubensfrage: Am 14. Oktober musste sich die Bürgerschaft im Hof des Zeughauses einfinden und bekräftigte ihre Entscheidung von 1530, beim neuen Glauben zu bleiben – trotz aller Kriegsgefahr. Allerdings nahm man bereits kurze Zeit später Geheimverhandlungen mit dem Kaiser auf und führte Friedensverhandlungen. Diese führte auf kaiserlicher Seite der Kanzler Granvella, der den Ulmern einige schwere Brocken – vor allem in Form von Geldzahlungen – abverlangte. Nachdem Granvella aber die Duldung der religiösen Neuerungen signalisiert hatte, nahm der Rat den Separatfrieden an und bewahrte die Ulmer so vor noch weitergehenden Konsequenzen nach der Niederlage der evangelischen Partei in der Schlacht bei Mühlberg (24. April 1547). Karl V. war auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen und versuchte nun, seine Pläne im Reich (Einheit der Kirche, Reichsbund) forciert durchsetzen. Auf dem 1548 nach Augsburg berufenen Reichstag ließ er am 15. Mai eine Zwischenlösung (Interim) in den Glaubensfragen für das Reich verkünden. Bis zur endgültigen Klärung der religiösen Fragen auf dem seit 1545 tagenden Konzil in Trient sollten die im Interim festgelegten – wesentlich der katholischen Lehre zuneigenden – Vorgaben bezüglich der Kirche, der Sakramente, der Liturgie und der Messe eingehalten werden.
Am 14. August 1548 zog Karl V. mit seinem Gefolge aus Augsburg kommend in Ulm ein und ließ nur einen Tag später das Interim von den Kanzeln des Münsters und der Spitalkirche verkünden. Faktisch war damit die Kirchenordnung von 1531 außer Kraft gesetzt und die katholische Opfermesse wieder eingeführt, auch wenn Karl V. beim feierlichen Hochamt im Münster zum Festtag Mariae Himmelfahrt das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfing. Martin Frecht – und mit ihm die einige weitere Prädikanten – lehnten diese Maßnahmen aus Gewissensgründen ab und hielten an ihrem reformatorischen Bekenntnis fest. Der Kaiser ließ daraufhin Frecht zusammen mit seinen Amtsbrüdern Jakob Spieß, Martin Rauber und Georg Fieß festnehmen und in Ketten durch die Stadt führen. Anschließend wurden sie ins Gefängnis nach Kirchheim/Teck gebracht, wo sie bis März 1549 gefangen gehalten wurden. Auch in verfassungspolitischer Hinsicht setzte Karl V. bei seinem Ulmer Aufenthalt 1548 ein Zeichen der Stärke, verbot die Zünfte und beseitigte die mittelalterliche Verfassung des Großen Schwörbriefs. Der von ihm neu eingesetzte Rat bemühte sich zunächst um einen Konsens mit dem kaiserlichen Stadtherrn und berief 1549 den Interimspriester Adam Bartholome aus Heidelberg, den man bis 1554 (!) im Münster duldete. Das Augustinerchorherrenstift St. Michael zu den Wengen wurde restituiert und dem Deutschen Orden die freie Religionsausübung wieder erlaubt.
Letztlich blieben diese Rekatholisierungsversuche aber erfolglos: Der im Interim vorgelegte theologische Kompromiss war nicht tragfähig, die evangelische Lehre in der Ulmer Bürgerschaft bereits zu tief verwurzelt, und auch in der großen Politik wandte sich das Blatt wieder gegen den Kaiser (Fürstenaufstand 1552). Mit dem Passauer Vertrag von 1552 und dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde auch für Ulm die endgültige Durchsetzung des evangelischen Kirchenwesens besiegelt. Dabei orientierte man sich allerdings nicht mehr an der Bucerschen Kirchenordnung, sondern vollzog den Wiederaufbau in Anlehnung an die von Johannes Brenz für das Herzogtum Württemberg ausgearbeiteten Ordnung. 1556 berief man den aus Memmingen stammenden Ludwig Rabus nach Ulm, welcher bis 1592 engagiert das Kirchenwesen in Ulm leiten sollte und für die eindeutige Hinwendung zur lutherischen Lehre sorgte. Wie schon bei seinen Vorgängern schränkte die weltliche Obrigkeit die Befugnisse des Superintendenten zwar ein, und die Religionsherren und Pfarrkirchenbaupfleger behielten sich die letzten Entscheidungen in Grundsatzfragen vor, aber Rabus nutzte geschickt die sich ihm bietenden Möglichkeit, zusammen mit den anderen Ulmer Predigern Vorschläge, Gutachten und Reformen einzubringen. Es gelang ihm durch zahlreiche Kirchenvisitationen, die Reste des Interims, des Katholizismus, des Zwinglianismus, des Spiritualismus und des Täufertums fast restlos aus der Stadt und dem Territorium zu vertreiben, das Eindringen calvinistischer Lehren zu verhindern und die ulmische Kirche endgültig in lutherische Bahnen zu lenken. 1577 unterschrieb er zusammen mit den ihm unterstellten Predigern die „Formula Concordiae“, jene neben anderen Bekenntnisschriften wie der Confesssio Augustana zum Bekenntnisbuch des Luthertums zählende Konkordienschrift. Damit hatten die Ulmer auch endlich offiziell ein Bekenntnis angenommen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war Ulm so schließlich zu einer lutherischen Reichsstadt geworden. Die Grundlagen für die lutherische Orthodoxie im 17. Jahrhundert waren gelegt.