Navigation und Service

Springe direkt zu:

Exulanten in der Herrschaft Wain

Kurz nach dem 30-jährigen Krieg mussten viele Protestanten ihre habsburgisch-katholischen Dörfer in Kärnten und der Steiermark verlassen und fanden in der seit 1571 zur Reichsstadt Ulm gehörenden und seitdem protestantischen Herrschaft Wain eine neue Heimat.
Noch heute leben in Wain und im benachbarten Balzheim zahlreiche ihrer Nachkommen, und die Erinnerung an die ehemalige Herkunft ist immer noch sehr lebendig.
Kurz vor Ausbruch des 30-jährigen Kriegs, im Jahre 1617, verzeichnen die Abendmahlslisten der Wainer Kirchengemeinde noch 337 Teilnehmer. Aber der Krieg traf die Herrschaft Wain hart, vor allem in den 30er Jahren des Jahrhunderts. Mehrfach lagerten die kaiserlichen Truppen in der Gegend und zerstörten vor allem das reichsstädtisch ulmische Gebiet. Während dieser Zeiten brachten die Wainer sich innerhalb der Ulmer Stadtmauern in Sicherheit. Dort wurden auch viele Einwohner Wains ein Opfer der Pest, welche in neun Monaten über 15000 Menschen dahinraffte, vor allem Flüchtlinge vom Land. In den Jahren 1637 und 1638 wurden in Wain nur noch jeweils 3 Kinder geboren, 1630 waren es noch 39 gewesen, und anlässlich des „Friedensfestes“ zählte man 1650 nur noch 96 Personen als Teilnehmer des Abendmahls. Dies war die gesamte Einwohnerschaft bis auf einen Einzigen, wie ausdrücklich vermerkt wird.
Im Laufe des 16. Jahrhunderts hatten sich sehr viele Bewohner der österreichisch-habsburgischen Erblande der Lehre Martin Luthers zugewandt. Aber obwohl im Westfälischen Frieden von 1648 festgelegt worden war, dass die Bewohner der Gebiete, die am 1. Januar 1624 protestantisch gewesen waren, bei ihrem Glauben bleiben könnten, hatten die Habsburger sich ausdrücklich ausbedungen, dass diese Bestimmung in ihren Erblanden Steiermark, Kärnten und Krain nicht gelten solle.
So wurde am 28. Januar 1651 den Bewohnern der Kärntner Grafschaft Ortenburg durch den Pfleger in Afritz eröffnet, dass sie innerhalb von vier Wochen sich „zur Heiligen Religion durch wirkliche Priester und Kommunion bequemben oder innerhalb solcher Zeit das Land quittieren und räumben sollten.“ Die meisten von ihnen verließen noch im Verlauf desselben Jahres ihre Kärnter Heimat. Viele dieser in einem umfangreichen Protokollbuch verzeichneten Namen finden sich dann kurz darauf in den Büchern der Pfarrei Wain.
Es ist nicht mehr festzustellen, wie diese Kärntner Bauern darüber informiert worden waren, dass sie in der Ulmer Herrschaft Wain willkommen sein würden. Allerdings findet sich im Wainer Taufbuch schon für das Jahr 1646 der Eintrag für die Kärntner Herkunft der Familie des Täuflings und seines Paten. Möglicherweise hatten sie die Verbindung zu ihrer alten Heimat aufrecht erhalten und einen entsprechenden Hinweis weitergeleitet.
Die Auswanderer durften zwar ihr Vermögen behalten, bis auf die auch sonst übliche „Abfahrt“ (=Aufgabe des Lehensverhältnisses) von 10 %, mussten aber wegen der Kürze der Zeit und dem Überangebot ihre Höfe weit unter Wert losschlagen. Neben begüterten und weniger begüterten Bauern wagten auch Unvermögende einen neuen Start in der Fremde, Mägde, Knechte, Dienstboten, Hirten und sogar Bettler. Der älteste Auswanderer mag wohl jener Greis gewesen sein, der im Jahr 1662 hochbetagt mit 95 Jahren in Wain starb.
Die Abendmahlsregister verzeichnen zu Pfingsten 1651 zum ersten Mal fünf Kommunikanten aus Kärnten. Am 20. Juli 1651 heiratete das erste aus Afritz in Kärnten stammende Paar.
Die Bauern aus dem Habsburgischen wurden mit ihrem Zuzug nach Wain Lehenspflichtige der Reichsstadt Ulm. Die Ulmer Stadtbehörden bemühten sich dabei nach Kräften, sie bei ihrer Ansiedlung zu unterstützen, zumal die Stadt für den Nachschub an dem für ihre Schiffe, die Zillen, so dringend benötigten Holz auf den tatkräftigen Einsatz der Neueinwanderer angewiesen war.
Bereits am 1. August 1649 hatten die beiden aus der Steiermark stammenden Brüder Philipp und Georg Walcher – Vorfahren eines Zweigs der noch heute in der Gegend ansässigen zahlreichen Walchers - den Hof zu Dürach für nur 25 Gulden erworben. Davon waren fünf Gulden sofort zahlbar, der Rest wurde in vier weitere Jahresraten gestundet. Im folgenden Jahr wurde ihnen die Abgabe der fälligen Gült (=die Abgabe an den Lehensherrn) bis zur nächsten Ernte gestundet. Vom Wainer Vogt wurde den beiden Brüdern ausdrücklich bestätigt, dass sie den Hof gut instand gesetzt hätten. Daraufhin war der Rat auch bereit, ihnen wegen ihrer Ernährungslage auf ihre Bitte hin eine zusätzliche Lohneinkuft zu erlauben: nämlich das Fällen von 25 – 30 Klafter Holz und dessen Weitertransport illerabwärts nach Ulm. Auf diese Weise konnte einer der Brüder, der inzwischen (1651) den Oberen Fürbachhof übernommen hatte, auch ein Darlehen von 30 Gulden für den Neubau eines Hauses und die Wiederherstellung des Stadels abverdienen.
In moralischen Dingen ließ der Rat allerdings weniger mit sich spaßen: Zunächst einmal mussten die Brüder aus ihrer steirischen Heimat den Nachweis ihrer ehelichen Geburt erbringen. Als sich später herausstellte, dass Georg Walcher mit seiner Frau seit Jahren ohne den Segen der Kirche zusammen lebte, wurde er ins Gefängnis gesteckt, musste Urfehde (=Versprechen, sich für die Verfolgung und Bestrafung des Vergehens nicht rächen zu wollen) schwören und versprechen, seine Frau wirklich zu heiraten. Dies tat er, und daraufhin wurde ihm auch die verhängte Strafe erlassen. Der Rat fühlte sich ganz im Denken der Zeit für einen tadellosen Lebenswandel seiner Untertanen verantwortlich: Ein Mitbewerber um den Fürbachhof war deshalb nicht zum Zuge gekommen, weil er und sein Weib stets fluchten und schworen und „daher kein Glück und Stern haben könnten“.
Ein weiteres Beispiel von vielen ist Christian Besserer, dem am 26. März 1651 von der Stadt Ulm ein Hof in Auttagershofen verliehen worden war. Da der Hof durch den Krieg „übel zergangen und baulos“ (Wainer Urbar) geworden war, musste er dafür nur 20 Gulden Handlohn entrichten (während der vorherige Bauer dafür 1617 noch 120 Gulden Handlohn hatte entrichten müssen). Außerdem musste er wegen der vielen brach liegenden Äcker nicht wie üblich die volle auf dem Hof liegende Getreidegült bezahlen, sondern nur Gülten für die tatsächlich bebauten Äcker.
Man schätzt, dass insgesamt etwa 300 Glaubensflüchtige nach Wain eingewandert sind. In einer Einwohnerliste von 1684 finden sich 66 Kärntner und Steirer Namen unter 118 Familien bei einer geschätzten Gesamtzahl von mindestens 800 Einwohnern. Das Aufblühen der Gemeinde zeigt sich auch am Bau eines Schulhauses (1659), dessen Erweiterung (1668) sowie einem bald darauf erfolgten Neubau. Da in dem Registerband zu den Ulmer Ratsprotokollen vor 1652 kein Eintrag über ein Schulgebäude Wain verzeichnet ist, darf man wohl annehmen, dass der Bau einer eigenen Schule in dem dörflichen Wain zurückgeht auf das Betreiben der Neuankömmlinge, die - ganz im Sinne Martin Luthers - davon überzeugt waren, dass jeder Christ imstande sein solle, die Heilige Schrift selber zu lesen und zu verstehen.
Der bekannteste Nachkömmling der Kärnter Exulanten ist wohl Conrad Dietrich Haßler, dessen Vorfahr Pankratius Haßler in den Taufbüchern seit 1659 wechselweise erscheint als Beiwohner, Schuhmacher, Tagelöhner und Söldner. Conrad Dietrich Haßler war Professor am Gymnasium in Ulm, trat als Abgeordneter im Stuttgarter Landtag für den Ausbau der Bahnlinie nach Ulm ein, war 1848, Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und neben allem unermüdlich tätig für den Weiterbau des seit dem Mittelalter unvollendeten Turms des Münsters in seiner Heimatstadt.
Noch heute leben zahlreiche Nachkommen der einstigen Exulanten in Wain und Balzheim, auch ihre Namen haben sich teilweise erhalten, z.B. Walcher, Schließer, Unterweger, Wipfler und Neuhauser. Bekannt sind auch die „Lutherischen Würste“, deren Rezept die Kärntner einst mitgebracht haben. Regelmäßig wird in mehrtägigen Veranstaltungen, Festschriften und Theaterstücken an die eigene Geschichte erinnert. Stets gegenwärtig ist die „Exulantentafel“ in der Wainer Michaelskirche mit der Darstellung des Auszugs Abrahams von Haran nach Kanaan, welche bereits 1658 vom Ulmer Stadtrat gestiftet wurde. Auch der neugeschaffene Wainer Dorfbrunnen erinnert an dieses Kapitel der eigenen Geschichte.
Seit 1972 hat Wain eine offizielle Partnerschaft mit der Kärntner Bergbauerngemeinde Arriach, dem Herkunftsort vieler der Exulanten.