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Protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Erzstift Salzburg

"Luthers Bibel hatte sich in diesem Gebirgsland eingefunden, und wurde bald das Gebetbuch, mit welchem der Landmann sich schlafen legte, und aus dem der Hirt auf der Alpe seinen Morgensegen betete." So beschreibt 1832 Karl Friedrich Dobel die reformatorischen Anfänge im Erzbistum Salzburg. Die lutherische Lehre hatte bereits um 1520, unterstützt von eifrigen Predigern, Eingang im Erzbistum gefunden. Energisch widersetzten sich die Erzbischöfe dem raschen Vordringen der neuen Lehre unter der Bevölkerung. Mit innerkirchlichen Reformen und bisweilen harten gegenreformatorischen Zwangsmaßnahmen versuchten sie den Protestantismus aus ihrem Gebiet zu verdrängen, was letztlich aber selbst durch Massenausweisungen nicht gelang.

1683 - nach einer Phase weitgehender religiöser und konfessioneller Ruhe im Erzbistum während des Dreißigjährigen Krieges - löste letztlich die Anzeige eines Devotionalienhändlers die erste große Vertreibungswelle aus. In der Anzeige wurde Bewohnern des Defereggentals der Missbrauch mit Heiligenbildern vorgeworfen. Es wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt und sofort reagierte man in Salzburg mit einer Serie von scharfen erzbischöflichen Maßnahmen gegen die dort rund 700 lebenden Lutheraner, was etwa - so Fritz in seinem Beitrag zur Aufnahme der Salzburger Exulanten in Württemberg - die Hälfte der Gesamtbevölkerung im Tal ausmachte. Alle, die sich der katholischen Kirchendisziplin nicht fügten und nicht dem lutherischen Bekenntnis abschworen, wurden des Landes verwiesen. Kinder unter fünfzehn Jahren mussten zurückgelassen werden; sie wurden katholischen Familien zur Erziehung übergeben. Insgesamt – so Florey in seiner Untersuchung "Protestanten [...] im Defereggental und am Halleiner Dürrnberg" – verließen, soweit feststellbar, 621 Protestanten aus dem Defereggental ihre Heimat, die ersten rund 200 im Dezember 1684, der Rest im folgenden Jahr.
In Ulm kamen, wie der Chronist berichtet, am 5. Januar 1685 "ettlich vertriebene Leuth auß dem Salzburger Land" an, sie wurden im „Goldenen Engel“ (vormals Wengengasse 21) untergebracht, mit Spenden aus der Bevölkerung versorgt und die Kranken ins Spital verlegt. Eine genaue Zahl der angekommenen Deferegger nennt der Chronist nicht, wohl spricht er bei seinem Eintrag zum 20. Februar von 26 Personen und ein Ratsprotokolleintrag vom 4. April 1685 nennt 50 Personen. Besonders betroffen war man in der Stadt über die "zurückbehaltenen" und "gefangenen" Kindern der Deferegger. Mehrfach war das ein Thema im Ulmer Rat .
Über die Ansiedlung der Vertriebenen schreibt der Chronist : "den einen Theil hat man auf die Dörfer verwiesen, theils hier im Beisitz [ ..] aufgenommen, viel seyen in Sachsen, ins Elsaß, ins Frankenland und andere Örter gezogen", dazu gehört auch eine Reihe württembergischer Ämter, wie Urach, Calw, Herrenberg oder auch die Hauptstadt Stuttgart. Zur gleichen Zeit musste ebenfalls wegen ihrer standhaften protestantischen Haltung eine Anzahl von Knappen des Dürrnberger Salzbergwerkes ihre Heimat verlassen.

Der große Exodus der Salzburger Protestanten begann 1731/32. Rund 20.000 Menschen, bekannt als "Salzburger Exulanten" (exulare = verbannen), mussten auf landesherrlichem Befehl ihre Heimat verlassen. Leopold Anton Eleutharius Freiherr von Firmian, seit 1727 Erzbischof von Salzburg, war ein entschiedener und kompromissloser Gegner des Protestantismus in seinem Bistum, mehr als seine Vorgänger. Sein am 31.Oktober 1731 erlassenes Emigrationspatent ließ daran keinen Zweifel. Unmissverständlich verkündete er darin, dass er die Unruhestifter und Rebellen in seinem Bistum, wie er die Protestanten bezeichnete, "nunmehro gäntzlich und von der Wurtzel aus vertilgen" wolle. Proteste des Corpus Evangelicorum (Korporation aller lutherischen und reformierten Reichsstände) in Regensburg und auch des Kaiserhofes in Wien, die ihm Verstöße gegen die Bestimmungen des Westfälischen Friedens vorwarfen, wies er zurück. Unbeeindruckt von jedem diplomatischen Druck ging er mit aller Härte gegen die Protestanten in seinem Bistum vor.
Diese Härte traf zunächst vor allem die sog., "Unangessenen", die besitzlosen Knechte, Mägde, Arbeiter, Dienstboten, Taglöhner. Sie mussten, so das am 11. November 1731 öffentlich verkündete Patent, innerhalb einer Woche "mit tragendem Pack und Sack" ihre Heimat verlassen. Den sog. "Angesessenen", den Eigentümern von Haus und Hof, wurde dafür eine Frist von drei Monaten eingeräumt. Sie verließen zwischen dem 6. Mai und 6. August 1732 ihre Heimat.
Am 24. November 1731 begannen die Soldaten die "Unangesessenen" auf Sammelplätzen zusammenzufassen und an die Grenze zu bringen. Der militärische Zugriff der Obrigkeit traf die Betroffenen, die immer noch auf einen guten Ausgang gehofft hatten, nicht selten unvorbereitet. Rund 4000 Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Für die überwiegende Mehrheit dieser 4000 Glaubensflüchtlinge, die in sieben Zügen bis August 1732 in Ulm ankamen, war die Stadt Durchgangsstation, für nicht wenige aber auch schon das erreichte Ziel. Wo und wie viele Salzburger Glaubensflüchtlingen über eine erste Ansiedlung hinaus in Ulm und in seinem Gebiet letztlich eine dauerhafte Heimat fanden und endgültig blieben, dazu bedarf es noch eingehender Forschungsarbeit.
Über die Vorkommnisse in Salzburg vom Herbst 1731 und deren Folgen war man in Ulm unterrichtet. Man war deshalb nicht unvorbereitet, als für den 8. Januar 1732 der erste Exulantenzug angekündigt wurde. Die Ämter wussten, was sie zu tun hatten. Der Rat hatte ihnen in der Sitzung vom 7. Januar ihre Aufgaben präzise zugewiesen (Material 2).
Wie angekündigt, traf am 8. Januar 1732 , von Memmingen kommend, nach einem zweitägigen Marsch der erste Zug von rund 260 Salzburger Exulanten in der Stadt ein. Von den Ulmern, von "Lutherischen und auch Catholischen", wie der Chronist berichtet, wurden sie herzlich begrüßt, in den Wirtshäusern der Stadt einquartiert, von der Bürgerschaft mit reichen Zuwendungen an Kleidung, Nahrungsmitteln und Geld bedacht, wofür sich die Beschenkten "unterthänigst" und "auch mit Händeküssen" bedankten. Letzteres war für die Ulmer sicher zunächst etwas ungewohnt.
Von den ersten Januarflüchtlingen scheinen - so Wiegandt in seiner Arbeit "Ulm. Stadt der Auswanderer"- 50 in der Stadt eine Arbeit gefunden zu haben, 63 wurden auf Ulmer Landgemeinden verteilt (Langenau und Öllingen je 7, Leipheim 14, Bernstadt 2, Ettlenschieß 15, Geislingen 4, Kuchen und Altenstadt zusammen 9 und Gingen a.d.Fils 12 Personen), 65 Personen nahmen Württembergische Gemeinden auf.
Rund vier Wochen später, am 13. Februar 1732, traf der zweite Flüchtlingszug mit 326 Personen in der Stadt ein. Ulm war diesmal vor allem Durchgangsstation mit allen dazugehörigen Aufgaben. "Die von Haus und Hof verjagten Leuthe", wie es in der Chronik heißt, wurden in Pfuhl, Offenhausen, Steinheim, Holzschwang, Reutti und Jedelhausen einquartiert und von der Stadt versorgt. Am 15. Februar beschäftigte sich der Rat mit den neuangekommenen Exulanten und fasste dazu 10 "Resolutiones", bei denen es vor allem darum ging, die Exulanten sicher und geordnet in das württembergische Aufnahmegebiet weiterzuleiten (Zusammenfassung der Beschlüsse in Material 4). Als Abreisetermin wurde der 18. Februar festgelegt, an dem die "jenseits der Donau logierte[n] Leuthe [...] in das hochfürstliche Würtembergische ab[zu]führen" sind. Der Abzug geschah unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Folgt man dem Chronisten, waren "viele 1000 Zuschauer" auf der Straße dabei, und es wurden "viel mehr Thränen vergossen als bey der Ankunft, ja selbsten auch die Catholicen". Generell berichten die Chroniken von großer Anteilnahme und Solidarität der Bevölkerung mit den Flüchtlingen. Von den rund 400 Flüchtlingen (326 Neuankömmlinge plus 72 "Alt-Flüchtlinge"), die sich um den 13./17. Februar in der Stadt aufhielten, blieben rund 30 Personen nach dem Abzug zurück. Für den 18. Februar 1732 vermeldet jedenfalls das Ratsprotokoll noch 30 zu versorgende Salzburger Glaubensflüchtlinge in der Stadt, die damals um 15.000 Einwohner zählte.
Die weiteren fünf Durchzüge zeigen stetig wachsenden Flüchtlingszahlen bis hin zum letzten großen Zug im August 1732 mit rund 800 / 900 Personen. In den folgenden Jahren waren es - abgesehen von einer größeren Gruppe mit 130 Leuten im Jahr 1733 - durchgängig nur kleine Gruppen und einzelne Salzburger, die in Ulm eintrafen und von dort dann in ihre Aufnahmegebiete wie etwa 1755 in das Herzogtum Cleve weiterzogen.
Während der Dauer der Durchzüge stand Ulm in regelmäßigem Kontakt mit den Städten an der Reiseroute der Exulanten, etwa mit Kempten, Kaufbeuren, Augsburg oder Memmingen, und auch mit den Nachbarherrschaften, vor allem mit Württemberg, um die Aufnahme oder Durchreise von Flüchtlingen zu regeln. Für die gesamte reichsstädtische Verwaltung war die Organisation dieser Flüchtlingszüge zweifellos eine logistische Herausforderung. Generell bemühte man sich in Ulm um eine ausreichende Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge, die bisweilen auch von einzelnen Bürgerstiftungen, wie etwa der Auer-Stiftung mit 15 Kreuzer pro Person unterstützt wurden. Zudem sorgte der Rat für die in seinem Gebiet Aufgenommenen für eine religiöse Betreuung durch die Geistlichen und legte zusätzlich noch eine Art Bildungsprogramm auf, bei dem Ulmer Schulmeister die Emigranten, wenn nötig, im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichteten.
Zu den besonders wichtigen Aufgaben der Verwaltung gehörte u.a. die Erfassung von Flüchtlingen in Listen. Leider ist uns davon nur noch ein "Nahmen - Register der allhier zu Ulm und ausserhalb der Stadt angekommenen [und] versorgten Salzburger-Emigranten" erhalten, in dem - so Wiegandt - rund 2850 Personen verzeichnet sind. Die Listen selbst sind bedauerlicherweise verloren gegangen.
Für den reichsstädtischen Haushalt brachten die Durchzüge eine nicht geringe Belastung. Allein schon bis zum 2. Mai 1732 hatte der Rat 5209 Laib Brote verteilt und 1039 Gulden und 42 Kreuzer an Verpflegungsgeld für die Salzburger aufgewendet. Eine merkliche Entlastung für Ulm wie auch für die anderen aufnehmenden süddeutschen Herrschaften brachte das Einladungspatent König Friedrich Wilhelm I. von Preußen vom 2. Februar 1732, in dem er sich bereit erklärte, die Salzburger Glaubensflüchtlinge in seinem Land anzusiedeln. Die Verweildauer der Flüchtlinge in den einzelnen Orten der Durchzugsgebiete verkürzte sich sehr und beschränkte sich meist darauf, die durchreisenden Gruppen mit dem Nötigen zu versorgen.
Neben Preußen, wo rund 17.000 Salzburger Glaubensflüchtlinge eine neue Heimat fanden, vor allem die vom 6. Mai bis 6. August in 16 Wanderzügen ausgewiesenen sog. "Angesessenen" , wagten einige wenige hundert Salzburger Emigraten einen Neuanfang in Nordamerika und gründeten 1734 die Siedlung Ebenezer.