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Vereine, Parteien und Gewerkschaften

Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Vereine in Ulm. 1836 gab es rund 150 gesellschaftliche Zusammenschlüsse. Die Bürger traten aus ihren ständisch-zünftisch gegliederten Sozialkreisen heraus und konnten sich freier nach Interessen organisieren, um gesellige, berufliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche, religiöse, künstlerische oder karitative Zwecke zu verfolgen. Durch den freien Zusammenschluss, die formale Gleichberechtigung ihrer Mitglieder sowie durch die Selbstorganisation und Selbstbestimmung der Vereine wurde im Kleinen erprobt, was der Staat den Bürgern noch vorenthielt.
Gesellige, freizeitorientierte Vereine waren z.B. die aus mehrheitlich wohlhabenden Bürgern bestehende Stossenburg, deren Name sich vom Gastgeber herleitete, oder die Hundskomödie, die eher die Handwerker ansprach.
Sehr exklusiven Charakter besaß die schon 1786 gegründete Mittwochsgesellschaft, in der sich die politische, wirtschaftliche und intellektuelle Elite traf, um über persönliche, städtische und politische Probleme zu sprechen. Ihre Exklusivität wurde durch die Beschränkung der Mitgliederzahl noch unterstrichen.
Ein weiterer bedeutender Verein war die Museumsgesellschaft (1841 entstanden aus dem Zusammenschluss von Lesegesellschaft und Casino-Gesellschaft), die geselligen und kulturellen Zwecken diente und im gehobenen Bürgertum beheimatet war.
Wissenschaftlichen Anliegen diente der v.a. aus Honoratioren bestehende, 1841 gegründete Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben, dessen Leistungen vor allem im Einsatz um Erhaltung und Vollendung des Ulmer Münsters, der Sammlung von Kunstgegenständen aus Ulm und Oberschwaben und der Erforschung der Geschichte zu sehen sind.
Auf wesentlich breiterer Basis entstanden seit den 20er Jahren die Gesangsvereine. Diese wurden zusammen mit den Turnvereinen zu Massenorganisationen, die sich für die nationale Einigung und liberale Freiheitsrechte stark machten. Der 1846 gegründete Turnverein stellte aus seinen Reihen einen freiwilligen Steigerzug auf, aus dem die Freiwillige Feuerwehr hervorging. Die Turner standen in der Revolution 1848/49 in enger Verbindung mit den demokratischen Volksvereinen.
Unter den im Vormärz und der Revolutionszeit entstandenen zahlreichen politischen Vereinen sind u.a. die liberale Bürgergesellschaft (1838), der linksliberale Politische Verein (1848), der ursprünglich liberal-demokratische, später nur noch demokratische Ulmer Volksverein (1848), die politische Turngemeinde (1849) und der Arbeiterverein (1848) zu nennen. Nach der Niederschlagung der Revolution wurden 1852 in Württemberg die kleinbürgerlich-demokratischen Volksvereine verboten, so dass auch der Ulmer Volksverein unterging. Nach 1860 begann die Formationsphase moderner Parteiorganisationen, wobei sich vor allem das akademische Bildungsbürgertum bei den Liberalen und Demokraten sammelte. Nachdem 1864 das Verbot der Volksvereine in Württemberg aufgehoben wurde, schlossen sich 1865 die Ulmer Liberalen und Demokraten im neuen Ulmer Volksverein zusammen. Dieses Zweckbündnis zwischen Liberalen und Demokraten hatte jedoch nur kurze Zeit Bestand, da sich die Frage, ob die Reichseinigung nur mit Preußen (kleindeutsch) oder auch mit Österreich (großdeutsch) erfolgen solle, in den Vordergrund schob. Der größere Teil der Anhänger schloss sich der rechtsliberalen, die kleindeutsche Lösung favorisierenden Deutschen Partei an. 1869 schlossen die großdeutsch eingestellten Demokraten im Freisinnig-Großdeutschen Verein ein Zweckbündnis mit großdeutschen Konservativen und Katholiken, das sich jedoch 1871 nach der Reichsgründung schon wieder auflöste. Demokraten waren in Ulm nach 1870 mit einer Lokalorganisation der demokratischen Volkspartei, die sich jedoch nicht an Gemeindewahlen beteiligte, vertreten.
Nur bei Kommunalwahlen traten die Bürgergesellschaft sowie die um 1880 entstandenen Organisationen, wie z.B. der Neustadtverein und der Katholische Bürgerverein, an. Linke, der Volkspartei nahestehende Demokraten schlossen sich um 1890 auf Kommunalebene zu einem Wahlbündnis, dem Freien Volksverein, zusammen. Die Gemeindewahlen waren zu dieser Zeit sehr personenorientiert, was auch daran abzulesen ist, dass häufig gemeinsame Kandidaten auf den Listen der einzelnen Parteien und Vereine erschienen.
Mit dem Arbeiter-Bildungsverein in Ulm wurde 1862 zehn Jahre nach dem Verbot der erste Arbeiterverein in Württemberg wiedergegründet. In der Folge entstanden weitere Arbeiterorganisationen wie der Gewerkverein der Maschinen- und Metallarbeiter und zu Beginn der 70er Jahre auch Ulmer Ortsgruppen des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Drei Jahre nach dem Zusammenschluss zur Sozialistischen Arbeiterpartei begann für die Arbeiterbewegung mit dem Sozialistengesetz von 1878 die Zeit der Unterdrückung, aus welcher sie schließlich gestärkt hervorging. Ein Jahr vor Aufhebung des Sozialistengesetzes entstand 1889 als Tarnorganisation der Sozialdemokratie der Volksverein, der sich 1890 in Sozialdemokratischer Verein Ulm/Neu-Ulm umbenannte. Aber erst in den Jahren ab 1905 gelang es der SPD, eigene Vertreter in die kommunalen politischen Gremien zu entsenden.