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Reichsstädtische Bürgeropposition

Durch die Zunftkämpfe des späten Mittelalters verbreiterte sich die politische Mitbestimmung (vgl. Kap. 1.2 und 1.6 - Material 2). Allerdings verfestigte sich nach der Verfassungsänderung von 1558 die städtische Obrigkeit. Wenige patrizische Familien beherrschten die Politik. Die wichtigsten politischen Ämter blieben über Generationen in ihrer Hand. Mitsprache der Bürger, die nicht in Amt und Würden waren, fand praktisch nicht statt.
Über vereinzelte Bürgerproteste (etwa gegen Maßnahmen der Stadtbefestigung) hinaus erhoben sich gegen diese Entmündigung erst im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss von Aufklärung und Französischer Revolution ernstzunehmende politische Proteste, die sich auch auf die Schwörbriefe beriefen.
Träger der Aufklärung im Reich war das Bildungsbürgertum, welches sich in Gesellschaften und Vereinen Diskussionsplattformen schuf. In Ulm konstituierten sich zunächst die Freimaurerloge und die Lesegesellschaft. Als Medium der Aufklärung fungierte der entstehende Zeitschriftenmarkt. Von besonderer Bedeutung für Ulm sind hier die von Christian Friedrich Daniel Schubart herausgegebene „Deutsche Chronik“ sowie das „Ulmische Intelligenzblatt“ in den 1770er Jahren. In diesem Jahrzehnt - die literarische Bewegung des Sturm und Drang hatte gerade begonnen, Teilaspekte der Aufklärung zu radikalisieren und ins Politische zu wenden - nahmen Bürgerproteste zu. Es konstituierten sich Bürgerausschüsse und es kam zu Bürgerprozessen. Weitere konkrete Anstöße zu Politisierung und Demokratisierung gingen von der Französischen Revolution aus. Eines der wichtigsten Dokumente dieser Tradition schuf der Säcklermeister Kaspar Feßlen (1741-1800) mit seinen „Freimüthigen Gedanken über die höchstnothwendige Staats-Verbesserung der freien Republik Ulm“ aus dem Jahr 1795, welche dem Verfasser eine mehrwöchige Gefängnisstrafe einbrachten. Dokument dieser Haft ist ein in Umlauf gebrachtes Flugblatt, in welchem sich Feßlen als Märtyrer der Demokratiebewegung feiert. Die 1790er Jahre sahen im Gefolge der französischen Besatzung eine Reihe weiterer markanter Ereignisse, die auf eine rege Bürgeropposition schließen lassen. Der „Ulmische Bürgerfreund“ setzte sich für Volkssouveränität ein. Der Ulmer Verfassungsentwurf von 1798 zählt fast die ganze Palette progressiver politischer Forderungen der Zeit auf. Die Forderungen verliefen im Sande, und mit dem Ende der Reichsstadtzeit und der Eingliederung nach Bayern erlosch die Bürgeropposition.